Die Careleaverinnen (v.l.) Nina Klimczak und Sabrina Fenger berichten im Gespräch mit Diakoniepfarrer Sven Pernak bei der Dialogpredigt von ihren Erfahrungen.

21.09.2026

„Heimkinder sind keine schlechten Kinder“

Diakoniewoche in der Pauluskirche widmete sich den sogenannten Careleavern. Gottesdienst schloss Veranstaltungsreihe ab

Mit einem Gottesdienst hat das „Team für hier“ aus Diakonie-Ruhr-Familie, Ev. Kirche in Bochum und Augusta den Abschluss seiner Diakoniewoche in der Pauluskirche gefeiert. Zahlreiche Veranstaltungen für unterschiedliche Zielgruppen haben sich mit verschiedenen Aspekten des Themas Careleaver beschäftigt. „Wir haben viel Gutes gehört“, sagte Pfarrer Constantin Decker von der Ev. Kirchengemeinde Bochum.

Der Begriff Careleaver bezeichnet Menschen, die in Wohngruppen oder Pflegefamilien aufwachsen. Sie verlassen das System der Jugendhilfe meist mit 18 oder 19 Jahren. In der weiterführenden Betreuung steht oft nur der Übergang in eine eigene Wohnung oder die Vermittlung von Ausbildungsmöglichkeiten im Vordergrund. In vielen lebenspraktischen Dingen, zum Beispiel Miete und Finanzen, sind die sogenannten Careleaver häufig auf sich allein gestellt. Anders als viele Gleichaltrige können sie nicht auf Eltern und Familie zurückgreifen, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zudem ist ihre materielle, soziale und emotionale Ausgangssituation oft deutlich schlechter.

Die Ev. Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Overdyck, die zur Diakonie-Ruhr-Familie gehört, setzt sich seit Jahren für die Belange von Careleavern in Bochum ein und möchte ihnen mit Partnerinnen und Partnern den Weg in ein selbständiges Leben nach der Jugendhilfe erleichtern. Dabei richten sich die Angebote ausdrücklich an Careleaver aller Bochumer Jugendhilfeeinrichtungen. Overdyck hat auch die Gründung des Vereins Careleaver Bochum tatkräftig unterstützt, der den Austausch und die Vernetzung von Betroffenen fördert.

„Wir haben alle die gleiche Geschichte und können uns deshalb gegenseitig unterstützen“, erklärte die Vereinsvorsitzende Sabrina Fenger im Gespräch mit Diakoniepfarrer Sven Pernak bei der Dialogpredigt. Sie sprach sich dafür aus, das Thema Jugendhilfe zu entstigmatisieren: „Viele haben immer noch das Vorurteil, dass Heimkinder schlechte Kinder sind.“ Die Ablehnung, die Sabrina Fenger Ende der 90er Jahre bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz und einer Wohnung erlebt hatte, hat Nina Klimczak nicht erfahren – sie lebte nach dem Tod ihrer Mutter von 2019 bis 2021 in einer Wohngruppe bei Overdyck. Doch auch sie wünschte sich mehr Empathie: „Wir sind nicht selbst dafür verantwortlich, dass wir im Heim waren.“

Sabrina Fenger hat ihr Schicksal auch in einer berührenden Kurzgeschichte verarbeitet, in der sie offen von ihrem Weg durch Pflegefamilien, Jugendhilfeeinrichtungen, Krisen und Rückschlägen berichtet – und davon, wie sie dennoch ihren Platz im Leben gefunden hat. Diese trug sie während der Diakoniewoche bei einer gut besuchten Lesung vor. Prof. Dirk Nüsken von der Ev. Hochschule Bochum und Filip David von Overdyck beleuchteten das Thema Careleaving bei einem Fachvortrag aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive. Bei einem Schreibworkshop mit der Autorin Jule Weber hatten Careleaver die Möglichkeit, Methoden kennenzulernen, selbst ihre Gedanken zu Papier zu bringen.

Beim Erzählcafé tauschten sich Seniorinnen und Senioren bei Kaffee und Kuchen rege darüber aus, wie sie damals in ihre erste eigene Wohnung gezogen sind. Hier wurden unterschiedliche Erfahrungen lebendig und Erinnerungen an Hürden wach, die heute kaum noch vorstellbar sind: Da vor 1975 in der Bundesrepublik Deutschland die Volljährigkeit erst mit 21 Jahren begann, benötigten jüngere Menschen die Erlaubnis der Eltern, wenn sie ausziehen wollten. Einfach nach Herzenslust aus voller Kehle singen – das konnten die Teilnehmenden beim Rudelsingen mit dem Team Götz zu bekannten Hits, Schlagern und Ohrwürmern.

Die Diakoniewoche sollte auch deutlich machen, dass Gemeinde vor Ort und Diakonie gemeinsam Kirche sind. Sie sind dem gemeinsamen Auftrag verbunden und geben die Liebe und Zuwendung Gottes, die sie selbst erleben, an andere weiter. Im „Team für hier“ aus Diakonie-Ruhr-Familie, Ev. Kirche in Bochum und Augusta engagieren sich mehr als 10.000 Menschen in Haupt- und Ehrenamt mit großer Leidenschaft für die Menschen in Bochum.